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View Full Version : Deutsche Popmusik


beingmf
10-30-2011, 08:05 AM
Ich bin ja immer wieder entsetzt über die Qualität deutscher Popmusik. Einer der Gründe ist wohl die mangelnde Auseinandersetzung mit "guter" Musik in Kindheit und Jugend. Während z.B. in England oder Schweden die Kindergartenkids Songs von den Beatles singen, werden sie in Deutschland mit ollen (für Eltern unerträglichen) Kinderliedern malträtiert.

Grund Nr. 2: im Formatradio laufen "Hits" für Menschen, die sich damit abgefunden haben, dass ihre "verrückte" Jugendzeit vorbei, und das Mass aller Dinge nun Büro, Haus und die Aufzucht der Kinder ist. Gute Laune spielt dabei eine sehr wichtige Rolle – seltsam, dass ich sofort umschalten muss, weil ich schlechte Laune bekomme.
Im coolen Anti-Formatradio-Formatradio laufen "Hits" für Menschen, die sich niemals damit abfinden werden, dass es etwas anderes geben könnte als Coolness, Hipstertum und Yeah. Lärmige Gitarren und fett komprimierte Snares spielen hier eine sehr wichtige Rolle – seltsam, dass ich sofort umschalten muss, weil ich das alles zu billig finde.

Eigentlich spricht doch nichts dagegen, sich irgendwann gegen derlei Geschmacklosigkeiten aufzulehnen und sich zu interessieren, oder? Warum berührt mich dieser und jene Song? Gibt es eigentlich etwas anderes als I-V-VIm-IV? Darf ich im Refrain den Verzerrer auch ausgeschaltet lassen? Darf mir ein Song auch dann noch gefallen, wenn er in den russischen Charts landet? Und überhaupt: darf mir grundsätzlich etwas gefallen, was meinen Freunden nicht gefällt?

Grund Nr. 3: der "Berlin"-Faktor. In Deutschland scheint man sich darüber einig zu sein, dass wahre Popkultur und -kunst einzig und allein in Berlin entstehen kann. Schliesslich wird mal als Hipster wie der Lemming zur Klippe hierher gezogen – was natürlich dazu geführt hat, dass alle Hipster aus allen anderen deutschen Städten verschwunden sind. Kurz: was nicht aus Berlin kommt, kann per se nicht gut sein.
(OK, Hamburg ist die wahre Brutstätte für emotionalen Diskurspop, in München lässt man sich standesgemäss vom FCB inspirieren, Mannheim – hey: ohne Worte, Alder, oder?, was gibt's denn sonst noch? Wohlgemerkt, ich spreche von Popmusik, nicht Club-/Techno-/etc./Underground)

Nun mag der geneigte Musikhandwerker sagen: irgendwie muss ich ja mein Geld verdienen, also mach ich das, was scheinbar der momentane Flavour of the Month ist. Schliesslich werde ich im Radio tagtäglich davon inspiriert :).

Nur: wo bleibt der deutsche Ansatz zum originellen Original? Ich höre nicht einmal auf Independent-Veröffentlichungen Popmusik mit einem Funken von musikalischer Intelligenz. Was geht da vor? Und rein interessehalber: wo findest Du Dich wieder?

Mr. Data
10-30-2011, 11:10 AM
Das alles hat aber nicht unbedingt etwas mit Musik zu tun. Egal, wo Du hin guckst, es wird alles zunehmend uniform. Geh z.B. in eine Fußgängerzone oder einen Supermarkt, ein öffentliches Gebäude oder wohin auch immer, egal ob in Düsseldorf, Köln, Gera, Passau, Herne... Alles ist austauschbar.

Für die "Macher" (die Investoren) ist nur noch wichtig, möglichst schnell mit möglichst wenig Einsatz möglichst viele € oder $ zu machen, und das geschieht zunehmend absolut sinnfrei (weil es zum Selbstzweck geworden ist). Eine schleichende Gleichschaltung des gesamten Lebens. Und weil sie so schleichend ist, ist sie m.E. auf die Dauer auch ziemlich gefährlich, den Gleichschaltung ist letztendlich faschistisch, mit dem Unterschied, dass die Ausgegrenzten keine Juden oder Schwarze mehr sind, sondern die, die kein Geld haben.

Vielleicht sind Dir diese Gedankensprünge zu heftig und zu weit hergeholt aber ich sehe diese Entwicklung.

Ach ja: Außer dem 3. Punkt könnte ich alles anklicken. Außerdem weiß ich sowieso nicht, wovon Du sprichst. ;)



-Data

juedue
10-30-2011, 11:16 AM
Nun, ich bin zwar geneigt, aber nicht DER Musikhandwerker, eher der interessierte Hobbythek-Zuschauer.

Ansonsten beschreibst du genau das, was ich höre, wenn ich das Radio einschalte. Und genau da liegt eigentlich schon das Problem. Was erwartest du von einer umsatzorientierten Signalkette. Dabei wird meiner Meinung nach nicht unbedingt produziert, was die tumbe Masse hören will, nein die Produktionen werden massiv beworben und mit "boah geil eh- Videos" aus Radio, TV, Kaufhauslautsprecher u.s.w. wieder und wieder und wieder in die Köpfe der Leute gebracht (Auch in die, die´s garnicht hören wollen). Hast du dafür die finanziellen Mittel und das Know How, dann bist du dabei. Dann bringst Du auch deine Musik über den Ladentisch.
Der Ohrwurm wird zum Ohrwurm, wenn er 10 x täglich jeweils auf den gängigen Sendern zum Laufen gebracht werden kann.(Ob die Sender den Labels Rabatte geben?)
...so, jetzt muss ich noch eben die Welt retten

Jürgen

paterpeter
10-30-2011, 01:14 PM
Popmusik im Sinne von populärer Musik "darf" doch schon der Definition nach keine Ecken und Kanten haben, um mit der breiten Masse kompatibel zu sein, weshalb mich der Einheitsbrei der großen Radiostation in keinster Weise verwundert. Das große Geld wird aber nun mal mit der Masse gemacht, daher wird sich halt darauf konzentriert, möglichst gut im See der Belanglosigkeit und Uniformität zu bestehen. Das ist aber auch nicht erst seit Neuestem so und ist ganz sicher nicht nur bei deutscher Popmusik zu finden.

Mich spricht die aktuelle Popmusik auch überhaupt nicht an, daher bleibt das Radio - abgesehen von Nachrichten - bei mir meistens aus. Ich höre, was mir gefällt, nicht was ich am einfachsten konsumieren kann. Es gibt ja mittlerweile Vertriebswege für Musik abseits der "Norm". Genau so mache ich Musik, wie es mir passt, nicht wie sie am konformsten ist, wobei das natürlich nur ein Hobby von mir ist.

Es tut mir nur Leid für diejenigen Musiker, die es schwer haben, mit "eigenwilliger" Musik Geld zu verdienen. Andererseits tun sich vielleicht gerade durch das Überhand nehmen des Mainstreams neue Marktlücken für kleine Labels auf. Außerdem dürften viele Spartensender nur existieren, weil sie durch Einnahmen der größeren Sender mitfinanziert werden (ähnlich wie bei vielen "spin-off" Sendern der Öffentlich-Rechtlichen).

beingmf
10-30-2011, 02:35 PM
Das sind ja schonmal vielversprechende Antworten! Danke Euch!

Ich fang mal von hinten (paterpeter) an:
Nachdem ich hoffnungsloser Retroist (wenn nicht sogar Nostalgiker) bin, sehe ich Popmusik lediglich als einen Gegenpol zu "ernster Musik", "experimenteller Musik" und "ideologisch aufgeladener Musik". In den sechziger Jahren konnte man mit tollem Songwriting, abgefahrenen Soundideen und einer gewissen Frechheit die Welt erobern. Klar war das ebenfalls kommerziell. Meine Frage: warum sollte das heutzutage nicht auch funktionieren? Meine Antwort: weil es wahrscheinlich zuviel Angebot von allem gibt, was der Unterhaltung oder Zerstreuung dient, somit Musik nur ein unwichtiger Teil der läppischen Unterhaltungsindustrie zu sein scheint. Meine Frage: aber Musik hat doch weit mehr zu bieten als reinen Unterhaltungswert, warum setzt man sich heutzutage [EDIT: und vor allem hierzulande] weniger damit auseinander? Meine Antwort: --- ja warum eigentlich nicht?

Ausserdem verstehe ich unter der "Popmusik", von der ich hier spreche, nicht unbedingt das industriell gesteuerte Phänomen, möglichst vielen möglichst geschmacksfreien Menschen möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen, sondern ein Genre, das (s.o.) leichtfüssig und positiv daherkommt, um Dir auf handwerklich und ästhetisch anspruchsvolle Weise den Tag zu versüssen.
Das ist wahrscheinlich der entscheidende Punkt: "leichtfüssig" plus "handwerklich anspruchsvoll". Es gibt ja unter den angloamerikaschwedischen Produzenten einige, die radiokompatible Sachen produzieren, die auch allen meinen Kriterien für "gute Musik" standhalten. Aber warum sind wir Deutschen zu blöd, uns ein Stück von diesem Kuchen abzuschneiden?

So mein Lieber, jetzt zu Dir (kleiner Insiderwitz aus den 80ern), juedue:
Ich dachte immer, als Komponist ist man auch Künstler. Ich für meinen Teil kann definitiv nicht anders, als "etwas Anderes", "etwas Neues" zu suchen, auch wenn es sich aus Altem speist. Neue Kontexte zu erforschen, scheinbar altbekannte Dinge in überraschende Zusammenhänge zu setzen. Hören denn alle Pop-Komponisten hierzulande (wie ich es etwas ironisierend in meinem Ursprungssthread behauptet habe) zur Inspiration WDR3? Meine [EDIT: ständig neu entdeckte] Plattensammlung umfasst ca. 6000 LP's, und trotzdem suche ich im Internet immer weiter nach Querverweisen, unbekannten Vor- und Nachläufern dieses und jenes Genres, weil ich einfach kapieren möchte, was diesen bestimmten Reiz/Charme/Wow-Faktor ausmacht.

Kollege Data: ich gebe Dir natürlich und leider vollkommen recht mit Deiner Einschätzung der soziokulturellen Lage in diesem seltsamen Land. Trotzdem wollte ich mein Anliegen ohne generellen Kulturpessimismus vorbringen, da ich auch Gegenbewegungen sehe, die einen zwar geringen, aber durchaus auch kommerziell zu nennenden, und vor allem wachsenden, Faktor am Gesamtvolumen der Kulturwirtschaft ausmachen. Mir sind diese Gedankensprünge überhaupt nicht zu heftig – je heftiger und nachvollziehbarer sie für jeden deutlich werden, desto eher wird sich allgemein ein ungutes Gefühl breitmachen und desto eher wird zumindest ein Teil der Leute sich auf die Suche nach Nichtgleichgeschaltetem machen. Die, die kein Geld haben, laden sich übrigens das letzte David-Guetta-Album (gibt's das überhaupt? :)) illegal runter.

Worauf ich mit meiner Begrifflichkeit "Popmusik" rauswill, ist: es ist immer einfach, einen Gegenpol zur herrschenden, ähm, Ästhetik zu schaffen, indem man schlichtweg alles negiert, was daran erinnern könnte. Das verstehe ich unter "experimenteller" oder "Underground"-Musik. Mir geht es ja vielmehr um "Wohlfühl"-(nicht "Fahrstuhl")Musik, die man auch ohne 2 Promille oder Hausfrauenfrust ertragen kann. Ich habe ja gar nichts gegen "funktionierende" Akkordverbindungen, wenn man sie nur überraschend präsentiert, sie es mit einer unerwartet tollen Melodie, einer unerwarteten Soundästhetik oder was weiss ich. Als spontane Beispiele seien genannt: Beatles, Beach Boys, Association (60er), Chicago, Supertramp, Stevie Wonder (70er), Prefab Sprout, Lloyd Cole, Style Council (80er), Massive Attack, Pulp, Blur (90er), Destiny's Child, Bro'Sis, ach nee, sorry, Franz Ferdinand, Lily Allen (2000er)


Kleine Anmerkung: ich hab mir gerade die deutschen Charts von 1991 angeschaut, und das ist wohl das übelste, was man sich so vorstellen kann, ich krieg mich nicht mehr ein vor Lachen :))) In UK auch nicht wirklich besser (ich sag nur "Do the Bartman" :/), allerdings ist UK schon krass mit ihren No.1-Hits: Blur, Pulp, Suede, Gorillaz. Lief sowas hier jemals im grossraumbürokompatiblen Radio? Und wenn nicht, wieso nicht???

Jolu
10-30-2011, 05:59 PM
Natürlich hat es die Geldmaschine Musikindustrie und ihre medialen Helfer in Radio und TV mittlerweile soweit gebracht, dass große Teile der Jugend traditionelle Musikelemente nur noch rudimentär wahrnehmen können - vergleichbar mit der heutigen Generation von jungen Müttern und Ehefrauen die nicht mehr richtig traditionell kochen können und folglich gezwungen sind Pizza, Burger und Fertigsuppe zum kulinarischen Highlight zu erheben.

Ebenso ist dem rapbegeisterten Hip-Hoper und den Schöpfern vieler anderen Musik-Genres - die erst durch die digitale Revolution in den Studios entstehen konnten - schlicht und einfach das Musikalische abhanden gekommen. Die Sequenzertechnologie mit ihrer maschinenhaften Präzision hat erst die "Musik" mit der die Jugend sich heute identifiziert möglich gemacht und nachhaltig hörbar geprägt.

Jede Zeit hat ihre Musik. Unsere Zeit mit ihrem warenförmigen Bewusstsein, hat logisch die Musik in Form und Inhalt zur beliebigen Billig-Ware gemacht. Doch immerhin hat man die Qual der Wahl zwischen:

Ballettmusik, Barockmusik, Bühnenmusik, Chormusik, Computermusik, Country-Musik, E-Musik, Engelsmusik, Ensemblemusik, Figuralmusik, Filmmusik, Flötenmusik, Folkmusik, Gebrauchsmusik, Gitarrenmusik, Harmoniemusik, Jagdmusik, Jazzmusik, Jugendmusik, Kammermusik, Kapellmeistermusik, Kirchenmusik, Klaviermusik, Klezmer-Musik, Konzertmusik, Kunstmusik, Militärmusik, Operettenmusik, Opernmusik, Orchestermusik, Orgelmusik, Popmusik, Programmmusik, Punkmusik, Rapmusik, Renaissancemusik, Rockmusik, Rokokomusik, Schauspielmusik, Schlagermusik, Schulmusik, Soulmusik, Sphärenmusik, Spielmusik, Streichmusik, Tafelmusik, Tanzmusik, Titelmusik, Trauermusik, Trivialmusik, Turmmusik, U-Musik, Undergroundmusik, Vierteltonmusik, Violinmusik, Vokalmusik, Volksmusik, Vorspannmusik, Walzermusik, Wassermusik, Weihnachtsmusik, Weltmusik, Werbemusik, Westernmusik, Zigeunermusik, Zukunftsmusik, Zwischenmusik, Zwölftonmusik Chanson, Fanfare, Geräusch, Klänge, Lied, Musical, Oper, Operette, Song, Ton, Tusch, Abendmusik, Barmusik, Beatmusik, Begleitmusik, Blasmusik, Blechmusik, Diskomusik, Effektmusik, Grammofonmusik, Hausmusik, Hintergrundmusik, Instrumentalmusik, Nachtmusik, Radiomusik, Salonmusik, Schallplattenmusik, Stimmungsmusik, Biermusik, Bumsmusik, Kaffeehausmusik - und jedes Genre hat noch seine unzähligen Subgenres.

Wähl dir was aus - realisiere es wie auch immer mit REAPER - Don't worry, be happy! :D

Mr. Data
10-30-2011, 06:10 PM
Ja, ich nehm dann mal BaRockokomusik mit in Vierteltönen gestimmten Elfeinhalb- bis Zwölftonelementen, die auf Punk basieren und ordentlich Bums haben.


-Data

Mr. Data
10-30-2011, 06:27 PM
Kollege Data: ich gebe Dir natürlich und leider vollkommen recht mit Deiner Einschätzung der soziokulturellen Lage in diesem seltsamen Land. Trotzdem wollte ich mein Anliegen ohne generellen Kulturpessimismus vorbringen, da ich auch Gegenbewegungen sehe, die einen zwar geringen, aber durchaus auch kommerziell zu nennenden, und vor allem wachsenden, Faktor am Gesamtvolumen der Kulturwirtschaft ausmachen. Mir sind diese Gedankensprünge überhaupt nicht zu heftig – je heftiger und nachvollziehbarer sie für jeden deutlich werden, desto eher wird sich allgemein ein ungutes Gefühl breitmachen und desto eher wird zumindest ein Teil der Leute sich auf die Suche nach Nichtgleichgeschaltetem machen. Die, die kein Geld haben, laden sich übrigens das letzte David-Guetta-Album (gibt's das überhaupt? :)) illegal runter.

Ja, (auf die Musik bezogen) zumindest die, die nicht nur oberflächlich hören, sondern denen auch die Feinheiten und Intelligenz, die in so manchem nicht-radiotauglichen Werk stecken, nicht verborgen bleibt.

Man darf auch nicht vergessen, wie viele gute Bands im Verborgenen wirken, von denen man aber leider nichts hört, weil sie nicht die richtigen Connections haben oder einfach zur falschen Zeit immer am falschen Ort sind um "entdeckt" zu werden.


-Data

moio
10-31-2011, 02:56 AM
Leider gehöre ich auch zu den Radio-Schmähern und kann daher gar nicht genau sagen, was dort so läuft. Ich kenne aber ein wenig die deutsche Pop-Musik und muss auch sagen: Bis auf wenige Ausnahmen gibt's dort tatsächlich kaum Hörenswertes und Neues, was mich überrascht.

Im Großen und Ganzen denke ich aber, das Ganze funtioniert nach dem Prinzip: "Das Angebot richtet sich nach dem Bedarf." Und da das Gros der Deutschen vielleicht eher keine Musik selbst macht, kommt Leichtverdauliches und Überproduziertes à la Xaver Naidoo viel besser an, als ein Clueso, bei dem man - wenn man denn zuhört - schon wieder zu viel nachdenken muss. Aber warum ist das dann nicht überall so?
Vielleicht ist es aber auch ein bisschen wie in der Werbung (ich bin Werbetexter, deshalb beschäftigt mich das auch): Spots aus USA oder auch England sind viel mutiger, häufig subversiv-witzig und sogar unterhaltsam. Die mutlosen Deutschen trauen sich so etwas nicht.

beingmf
10-31-2011, 04:22 AM
Vielleicht ist es aber auch ein bisschen wie in der Werbung (ich bin Werbetexter, deshalb beschäftigt mich das auch): Spots aus USA oder auch England sind viel mutiger, häufig subversiv-witzig und sogar unterhaltsam. Die mutlosen Deutschen trauen sich so etwas nicht.

...oder Film – das ist doch genau die gleiche Misere wie in der Musik oder Werbung. Ich bin nämlich eigentlich Drehbuchautor, aber was mir da nach dem Studium an Dumpfbackenproduzenten über den Weg gelaufen ist, glaubst Du nicht. Zusammengefasst lief das immer ungefähr so ab: "Sie kennen doch [insert aktueller Hollywood-Blockbuster]! Wir hätten gerne ein Buch, das eine "ähnliche" Handlung nach Deutschland (ganz toll wäre natürlich Berlin) verlegt, und als Hauptdarsteller hätten wir Heike Makatsch, Mario Adorf und Jürgen Vogel im Auge. Das stelle ich mir total spannend vor!"

Na super – auf meinen Einwand, warum er/sie's denn nicht selbst schreibt, da ja an kreativer Leistung eigentlich nichts verlangt wird, erntete ich nur ungläubige – nicht einmal böse – Blicke. Die meinten das tatsächlich ernst und fanden wohl, dass sie selbst eine Wahnsinnsidee hatten! Traurig traurig traurig.

Aber das gibt's doch nicht! Bis zur "Hitlerei" (:) mein Lieblingsausdruck, aufgeschnappt in Vorarlberg) war doch Musik und Film in Deutschland absolut grossartig. Die Protagonisten sind natürlich alle in USA gelandet – kann das sein, dass dieser Einfluss bis heute fehlt? Oder andersrum gefragt: damals gab es doch auch ein grosses Publikum für anspruchsvolle Unterhaltung; hat sich die Mentalität hier denn so verändert, dass der Gipfel der Kreativität mittlerweile in Autotunerwerkstätten zu suchen ist?

Ich frage mich auch ernsthaft, ob es etwas bringen würde, eine Deutsch-Quote (analog zu Frankreich) in Radio und TV einzuführen. Klar wird es deswegen noch genausoviel Kack geben, allerdings steigen die Chancen beträchtlich, dass zusätzlich auch gut gemachte Produktionen gespielt werden, die jetzt einfach durchs Raster fallen.

Vollgerd
10-31-2011, 04:36 AM
Hallo,
ich habe jetzt lange gezögert, ob ich überhaupt schreiben soll.
Ich verstehe auch das Problem nicht.
Es gibt gute und weniger gute Musik. Das ist alles Geschmacksache.
Nicht alles Englischsprachige ist gut oder besser. Wir bekommen da eben nur einen kleinen Bruchteil davon mit, weil wir ja nur das kennen, was uns vorgesetzt wird, bzw. in irgendwelchen Charts landet.
Ich finde deutsche Popmusik nicht schlecht, manche Sachen finde ich gut, andere nicht.
Tatsache ist doch, dass wir unterhalten werden wollen und nicht, dass wir über Musik "nachdenken" müssen. Nachdenken müssen wir schon genug über andere Dinge.

Und wers nicht hören will, soll's eben bleiben lassen.
Offensichtlich gefällt die Deutsche Popmusik doch einem Großteil der Bevölkerung, sonst würden die es ja nicht kaufen oder hören.

Nichts für ungut, wegen meiner banalen Gedankengänge.
Aber: Es ist, wie es eben ist.

Gruß
Gerd

El-Rallef
10-31-2011, 04:48 AM
Vollgerd hat Vollrecht, und dieser Thread sollte verfilmt werden mit Heike Makatsch, Mario Adorf und Jürgen Vogel in den Hauptrollen. Mit Filmmusik von Herbert Grönemeyer, Wir Sind Helden, Rosenstolz und den Scorpions.

El-Rallef

moio
10-31-2011, 05:20 AM
Vollgerd hat Vollrecht, und dieser Thread sollte verfilmt werden mit Heike Makatsch, Mario Adorf und Jürgen Vogel in den Hauptrollen. Mit Filmmusik von Herbert Grönemeyer, Wir Sind Helden, Rosenstolz und den Scorpions.

El-Rallef

Gute Idee. Klingt nur nicht gerade nach Wind of Change.



Über Musik und Geschmack zu streiten ist natürlich so eine Sache. Ich denke aber, über Innovationskraft, Mut und Pioniergeist kann man das schon tun.

beingmf
10-31-2011, 05:34 AM
Tatsache ist doch, dass wir unterhalten werden wollen und nicht, dass wir über Musik "nachdenken" müssen. Nachdenken müssen wir schon genug über andere Dinge.

Da hast Du mich missverstanden – natürlich will ich als Konsument unterhalten werden. Aber als Produzent/Kreativer bin ich verpflichtet, über mein Handwerk mindestens einmal die Woche nachzudenken.

Ich stimme Dir ja zu, dass es nur gute und schlechte Musik gibt. Bei letzterer unterscheide ich allerdings zwischen Unvermögen und Faulheit. Und wenn Faulheit bzw. vorauseilender Profitgehorsam dazu führt, dass ich der Verdummung und Vergeschmacklosung noch eins draufsetze, hört bei mir das Verständnis ehrlich gesagt auf.

Dein Argument "wer's nicht hören will, soll's eben bleiben lassen" ist ebenfalls teil-richtig. Bei "Offensichtlich gefällt die Deutsche Popmusik doch einem Großteil der Bevölkerung, sonst würden die es ja nicht kaufen oder hören." setzt es allerdings bei mir aus.
Nochmal: ich spreche nicht davon, was die Konsumenten unter "gut" verstehen, denn sie kennen ja, wie Du richtig sagst, nur einen Bruchteil des musikalischen Outputs. Als Urheber von Musik, die eventuell wiederum Teil dieser Schnittmenge werden könnte, darf ich mich doch nicht von vorneherein einem ungeschriebenen Marktgesetz unterwerfen, das da heisst: "Mach einfach das, was alle machen, dann bist Du automatisch erfolgreich". Warum? Weil im Gegensatz zu den im OP genannten Ländern die musikalische Kultur zu verarmen beginnt. Will man das wirklich? Will man wirklich nur noch McDonalds, Currywurst und Tricatel-Hühnchen?

Mal ganz unter uns Pfarrerstöchtern: momentan ist es doch eigentlich scheissegal, mit was man keinen Erfolg hat. Unter den nationalen Acts sind DSDS-XF-PS-Klone und schlagernahe "Künstler" vorne dabei. Kleiner Ausrutscher darunter ist Seeed, was zumindest noch geil produziert ist, musikalisch sich allerdings im Kreis dreht und für mich auch nicht mehr ernstzunehmen ist.

Kurz: wenn man doch sowieso nur noch 1000 Verkaufseinheiten braucht, um in den Top 30 zu landen, warum nicht mit was Vernünftigem?

moio
10-31-2011, 06:17 AM
Da hast Du mich missverstanden – natürlich will ich als Konsument unterhalten werden. Aber als Produzent/Kreativer bin ich verpflichtet, über mein Handwerk mindestens einmal die Woche nachzudenken.

Ich stimme Dir ja zu, dass es nur gute und schlechte Musik gibt. Bei letzterer unterscheide ich allerdings zwischen Unvermögen und Faulheit. Und wenn Faulheit bzw. vorauseilender Profitgehorsam dazu führt, dass ich der Verdummung und Vergeschmacklosung noch eins draufsetze, hört bei mir das Verständnis ehrlich gesagt auf.

Dein Argument "wer's nicht hören will, soll's eben bleiben lassen" ist ebenfalls teil-richtig. Bei "Offensichtlich gefällt die Deutsche Popmusik doch einem Großteil der Bevölkerung, sonst würden die es ja nicht kaufen oder hören." setzt es allerdings bei mir aus.
Nochmal: ich spreche nicht davon, was die Konsumenten unter "gut" verstehen, denn sie kennen ja, wie Du richtig sagst, nur einen Bruchteil des musikalischen Outputs. Als Urheber von Musik, die eventuell wiederum Teil dieser Schnittmenge werden könnte, darf ich mich doch nicht von vorneherein einem ungeschriebenen Marktgesetz unterwerfen, das da heisst: "Mach einfach das, was alle machen, dann bist Du automatisch erfolgreich". Warum? Weil im Gegensatz zu den im OP genannten Ländern die musikalische Kultur zu verarmen beginnt. Will man das wirklich? Will man wirklich nur noch McDonalds, Currywurst und Tricatel-Hühnchen?

Mal ganz unter uns Pfarrerstöchtern: momentan ist es doch eigentlich scheissegal, mit was man keinen Erfolg hat. Unter den nationalen Acts sind DSDS-XF-PS-Klone und schlagernahe "Künstler" vorne dabei. Kleiner Ausrutscher darunter ist Seeed, was zumindest noch geil produziert ist, musikalisch sich allerdings im Kreis dreht und für mich auch nicht mehr ernstzunehmen ist.

Kurz: wenn man doch sowieso nur noch 1000 Verkaufseinheiten braucht, um in den Top 30 zu landen, warum nicht mit was Vernünftigem?

Bliebe die vielleicht doch standpunktabhängige Frage, was "vernünftig" ist:-)

Und ein bisschen sollte man auch bedenken: Viele Produzenten sind abhängig vom Erfolg, sprich: Verdienst - wenn sie nicht gerade Frank Farian heißen und ihren Ar... bereits vergoldet haben. Insofern kann man die Dynamik vielleicht schon verstehen, wenn auch nicht gutheißen.

Vielleicht ist das ja was anderes, aber ich muss ehrlich gestehen: Ich schreibe auch grunddämliche und banale Songs für Soundlibraries - Zeug, das ich zum größten Teil niemals unter meinem Namen in die Welt setzen würde. Aber ich verdiene eben Geld damit, das ich mit "meiner" Musik niemals verdienen würde. Meine letzte Instrumental-CD beispielsweise hat gerade mal 10 Käufer gefunden :-)

Ich denke, viele Künstler, die unkonventionelle Musik mit viel Herzblut und Verve machen, werden vielleicht eher mit wenigen treuen Fans statt viel Geld belohnt.

beingmf
10-31-2011, 06:29 AM
Bliebe die vielleicht doch standpunktabhängige Frage, was "vernünftig" ist:-)

Nu ja, das sollte aus meinen Posts hervorgehen: radiokompatible Popmusik mit einer frischen Idee (dürfen auch 2 sein).

So, ich geh jetzt Gitarre aufnehmen für nen Remix von nem französischen Act, der auch nicht viel inspirierender ist als der andere Kram. Gut gemeint ist hier auch schon fast das Gegenteil von gut :) Schönen Nachmittag!

Mr. Data
10-31-2011, 06:40 AM
Gute Idee. Klingt nur nicht gerade nach Wind of Change.

Der war gut! :D


-Data

Jolu
10-31-2011, 03:12 PM
...das sollte aus meinen Posts hervorgehen: radiokompatible Popmusik mit einer frischen Idee (...) für nen Remix von nem französischen Act, der auch nicht viel inspirierender ist als der andere Kram.

Also als Hobbymusiker ist mir "radiokompatible Popmusik" - mit Verlaub - scheissegal! Meine Musik muss zu mir als Mensch kompatibel sein und das kann sie nur, wenn sie als Selbstzweck gefasst wird. Eine nicht nur musikbezogene stereotype und übersättigte Kultur-Umwelt kann meiner Meinung nach keine "frische Ideen" kreieren - sondern immer nur das Alte wiederkäuen. Nicht von ungefähr haben wir es heute auf allen Ebenen der Kultur mit einer erbärmlichen Masse von Kultur-Epigonen zu tun, jeder kupfert von jedem ab - und dreht sich im Kreis.

Dass die Musik nicht den Künstler selbst ausdrückt, sondern eben mit dem Künstler Musik gemacht wird, mit dieser Überlegung outet sich der Widerspruch zwischen Kunst und Kommerz als allgemeiner Systemwiderspruch - denn nahezu jedes Mitglied der Gesellschaft übt eine Tätigkeit bzw. Dienstleistung aus, deren Endprodukt nicht das Ergebnis seiner Selbst, seiner Menschlichkeit, sondern das Mehrwertprodukt abstrakt verwerteter Arbeit darstellt. Unter diesem Gesichtspunkt kann ich Deine "Unlust" als "zweckentfremdeter" Künstler gegenüber nicht inspirierendem Kram, gut verstehen. :D

juedue
11-01-2011, 12:51 AM
..wie schaurig schön hier philosophiert wird...

so können sich nur Kreativingenieure unterhalten, die die Zusammenhänge des florierenden Handwerks verstehen. Wobei doch jeder noch so geschwollene Satzkonstrukt überflüssig erscheint, angesichts der (Gott [wer immer das sein mag] sei Dank)verschiedenen Gusti der umworbenen, meist nur mäßig audiphilen Hörerschaft.


Radiokompatible Popmusik mit 2 und mehr frischen Ideen wird den Musikschaffenden beim Hören des Werkes aufhorchen lassen: Ahh, das ist aber mal interessant gemacht.
Meine Frau schaltet das Radio an, macht leiser oder lauter, wiegt sich, wenn sie ganz übermütig wird ein wenig zum Takt oder wenn sie der Teufel reitet, singt sie mit, und macht später das Radio wieder aus. Sie interessiert sich nicht für die interessanten 2 Ideen des Komponisten, ja, sie nimmt sie noch nicht mal wahr. Das will sie auch gar nicht, sie will nicht beim Hören eines Songs sagen: Oh, interessant, wie die Melodie da einen Haken schlägt und das auch noch passend in das geloopte Didgeridoo eingebunden wird.
Und so wird´s dem gemeinen Hörer an sich gehen.
Diese Diskussion erinnert mich so ein bischen an das Phänomen der "Musikerpolizei", wenn du live unterwegs bist. Auch wenn alle Zuhörer begeistert sind, die selbsternannten Polizisten finden immer was zum nörgeln. (Ich glaub´, ich kann das auch...)

Und da könnte man glatt mal fragen, wer denn hier seine Brötchen mit Reaper und Co verdienen MUSS, und wer Musik für sich neu erfinden darf. Aber das ist ein anderes Thema

Gruß

Jürgen

moio
11-01-2011, 01:50 AM
..wie schaurig schön hier philosophiert wird...


Und da könnte man glatt mal fragen, wer denn hier seine Brötchen mit Reaper und Co verdienen MUSS, und wer Musik für sich neu erfinden darf. Aber das ist ein anderes Thema

Gruß

Jürgen

Interessant wäre das allemal :-)

strinxx
11-01-2011, 02:26 AM
Servus!

Also den thread find ich jetzt mal richtig gut!
(auch noch von einem Drehbuchautor)
Geht's mir doch schon seit - ich glaub - "immer" so...

Ich hab mich jetzt vor über 20 Jahren selbstständig gemacht um u.a. Filmmusik zu schreiben, meine eigenen Sachen zu produzieren und überhaupt möglichst lange die Gitarre in der Hand halten zu dürfen.

Und soweit auch mit Erfolg.
Reich bin ich zwar nicht geworden, aber immerhin kann ich Frau und 2 kleine "Kalottendrücker" damit satt kriegen. Is' ja auch schon was..

Tja... und ich bin schon auch richtig abgestumpft, was den Glauben an die Kreativität der Film- oder überhaupt Medienschaffenden angeht.
Man ist kaum wirklich in der Lage mal was Neues zu "schaffen", weil ein Redakteur oder Cutter dich grundsätzlich mit Temptracks zuknallt, mit dem Auftrag: "so soll es sein, aber schon was neues..." (!!!), und oft genug sind die dann nicht eher zufrieden, bis das Zeug auch genauso erklingt.
Reichlich frustrierend.
Und die Regisseure die mal was anderes machen wollen (es gibt sie schon), kämpfen oft genug mit wahren Zwergenbudgets... und da verdienst Du als Komponist dann gar nix mehr.

Ich bin überzeugt, daß eine derart verarmte MedienKultur sowohl in der "Gleichschaltung" der Massen begründet liegt, als auch (sorry) an deren bewusst organisierten Verblödung hier in Deutschland. Stichwort "Volkstümliche Musik"... das hat doch alles seinen Ursprung.

Überall die eigentlich immer gleich gestrickten Talkshows, Talente-shows, "Peinliches Wohnzimmer TV" ... MTV und Co ... forensische Ermittlungen...
Was ist aus dem Land der Dichter und Denker geworden?

Viele Entscheidungsträger, sprich Produzenten haben wohl einfach oft Angst was falsch zu machen - ist hier glaub ich schon angeklungen.
Fast jede größere Produktionsfirma ist doch schon eine AG, Plattenfirmen sowieso.. und wem sind die denn nun verpflichtet...?... sicher nicht der Kreativität! Und da bleiben die wohl immer auf vermeintlich sicherem Terrain. Nur nix neues probieren...

Zum Glück hat man heute alle Möglichkeiten künstlerisch kreativ zu sein und sich selbst zu vermarkten. Auch wenn ich mich als Musiker mit den Vertriebswegen via Internet nicht wirklich herumschlagen will.. man hat die Möglichkeit dazu.

In der "Ernsten Musik" ist es vielleicht schon wieder etwas besser, die beweihräuchern sich zwar auch hauptsächlich für eine weitere Interpretation des ewig gleichen Inhalts, aber man kann noch kreativ sein, eigene Sachen schreiben und dafür auch finanziell gewürdigt werden. Gerade live.
Da sind wir mittlerweile sogar ziemlich erfolgreich, haben seit kurzem einen amtlich Konzertveranstalter der uns unter Vertrag genommen hat... das macht Mut!

Jetzt müsste mir das nur noch mit einer Band gelingen, ohne stereotypes "Adult Contemporary" Geleier für's Radio spielen zu müssen.

Aber wer wird's ändern wenn nicht wir Schaffenden...?
Vielleicht müssen wir alle noch mehr auf die Tube drücken und das Volk mit wirklich geilem Zeug überschütten, daß die gar nicht mehr anders können als das auch entsprechend zu vermarkten.

Also: dran bleiben.

beingmf
11-01-2011, 07:48 AM
@strinxx – ein Ex-Kommilitone von der Filmakademie ist kürzlich mit Frau und 2 Kindern (ohne Spass) von einem Tag auf den anderen nach Frankreich ausgewandert, weil er als Filmmusiker eine dermassene Krise hatte, dass er vor der Entscheidung stand: a) Job hinwerfen, b) verrückt werden, c) Amok laufen, d) auswandern.
Das kann doch wohl alles nicht wahr sein. Und Du verstehst genau, was ich meine: "Dran bleiben" – vollkommen richtig!

Und juedue, ob die Hörerschaft audiophil ist oder nicht: du triffst mit dem Ehefrauen-Beispiel ziemlich genau den Kern von "handwerklich gut gemacht". Deine Frau macht dann lauter, wenn's "gut" gemacht ist, und leiser, wenn's ein Runterzieher ist. So einfach könnte man das (zum Teil) sagen.

Warum ich mich so an "radiokompatibler Popmusik" aufhänge, ist hoffentlich verständlich. Welchen gemeinsamen Nenner könnte man sonst heranziehen, um das undankbare Wörtchen "gut" zu erklären? "Radiokompatible Pomusik" umgibt uns, bewusst oder unbewusst, jeden Tag – und wer sich mal drauf einlässt und nicht von vorneherein sagt "alles Scheisse", wird riesige Unterschiede feststellen.
Deshalb: "Popmusik komma radiokompatibel" steht für eine allgemein nachvollziehbare Messlatte für "Handwerk" und "musikalisches Verständnis", sonst bewegen wir uns doch im luftleeren Raum des berühmten Elfenbeinturms (weiss übrigens jemand, wo der steht? In Google-Maps ich nix gefunden). Genre-Nischen haben ja ihre komplett eigenen Gesetze, die oftmals für wenige nachvollziehbar sind.

Zur Erläuterung ein kurzer Ausflug zu "Merzbow", Verzeihung. Ist seine Musik "gut"? Für die, die nicht wissen, wie "Merzbow" klingt: stellt Euch einfach 30fach gelayerte Noise-Fetzen und -Flächen vor, durch 8-Bit-Plugins gejagt und das ganze 30 Minuten pro "Track", präsentiert von einem hippiesken Japaner mit 2 Laptops. MB-Fans werden mir bei dieser Beschreibung Morddrohungen schicken, ich weiss :)
Nun berührt einen das ganze rein überhaupt nicht, hat auch mit dem, was man herkömmlicherweise unter "Musik" versteht, herzlich wenig zu tun (bzw. negiert es natürlich absichtlich). Wenn der Kerl nun 10 Downloads innerhalb von 5 Jahren hätte – könnten wir behaupten, seine Musik sei "gut"? Eher nicht, er wäre halt ein Spinner, der sich dran erfreut, anderen Leuten den Angstschweiss auf die Stirn zu treiben und sein mangelndes musikalisches Können durch hooliganartige Agressivität zu kompensieren. Doch es verhält sich ja genau andersrum: Merzbow hat seit 1979 (Achtung!) über 350 Platten und CD's veröffentlicht, unter anderem eine 50-CD-Box, die zu horrenden Preisen verkauft wurde. Ausserdem wird er weltweit zu Shows und Festivals eingeladen.
Ich persönlich kann mit dem Sound überhaupt nichts anfangen, doch könnte ich jetzt noch behaupten, seine Musik sei "schlecht"? Sicher nicht.

Was ich damit sagen will: ob Musik "gut" oder "schlecht" ist, entscheidet nicht das Urteil eines fachkundigen Gitarristen, Kritikers oder Musikpolizisten. Am Ende entscheidet lustigerweise der Markt. Wenn nämlich Musik (ersetze auch durch "Kunstwerk", "Buch", "Film") handwerklich so gestaltet ist, dass sie ein grosses (ich sage nicht "möglichst grosses"!!!) Publikum erreicht, das sich davon angesprochen, berührt, verstanden fühlt, ist ein Kriterium von "gut" erfüllt. Ein anderes Kriterium ist "intelligent", darunter verstehe ich musikalisch, textlich oder konzeptuell intelligent*. Und ein weiteres Kriterium wäre wohl "originär", also eigenständig, persönlich und (nachdem es "ungehört" nicht mehr geben kann) "dreist – schon lange nicht mehr gehört, schon gar nicht in diesem Kontext".

Die letzten beiden Kriterien gelten nämlich leider auch für Proberaumbands, die ihrem Freundes- und Verwandtenkreis ihr Gedudel vorspielen, und dafür Lob wie "sehr musikalisch" oder "das hat mir in meiner Jugend auch gefallen" ernten.


* bedarf das weiterer Erläuterung?

"Kalottendrücker" haha – kein Kommentar :)

Und die Regisseure die mal was anderes machen wollen (es gibt sie schon), kämpfen oft genug mit wahren Zwergenbudgets... ...oder sind mit ihrer Produzentin verheiratet (sic!).

Mr. Data
11-01-2011, 08:59 AM
..wie schaurig schön hier philosophiert wird...

so können sich nur Kreativingenieure unterhalten, die die Zusammenhänge des florierenden Handwerks verstehen. Wobei doch jeder noch so geschwollene Satzkonstrukt überflüssig erscheint, angesichts der (Gott [wer immer das sein mag] sei Dank)verschiedenen Gusti der umworbenen, meist nur mäßig audiphilen Hörerschaft.

Den Satz würde ich schützen lassen! :D



Was ich damit sagen will: ob Musik "gut" oder "schlecht" ist, entscheidet nicht das Urteil eines fachkundigen Gitarristen, Kritikers oder Musikpolizisten. Am Ende entscheidet lustigerweise der Markt.

Ich glaube, am Ende entscheidet eher die Zeit als der Markt. Bach, Mozart, Gershwin, Miller, Beatles wird man auch in 100 Jahren noch hören, aber bei "Tonefloat", "Amon Düül II" oder Klaus Schulze's "Cyborg" (z.B.) hab ich da doch meine Zweifel.

Aber jetzt, nachdem ich nochmal überflogen habe, was Du geschrieben hast, glaube ich, ich habe das Ziel verfehlt. :rolleyes: 'Tschu'i'ung!


-Data

beingmf
11-01-2011, 09:53 AM
Ich glaube, am Ende entscheidet eher die Zeit als der Markt. Bach, Mozart, Gershwin, Miller, Beatles wird man auch in 100 Jahren noch hören, aber bei "Tonefloat", "Amon Düül II" oder Klaus Schulze's "Cyborg" (z.B.) hab ich da doch meine Zweifel.

Scooter wird's wahrscheinlich egal sein, ob er in 100 Jahren noch auf Abfüll-Partys gespielt wird. Schliesslich hat er jetzt die Kohle, um sich damit rein rechnerisch gepflegt ins Grab zu koksen.

Aber Deine genannten Beispiele sind trotzdem interessant. Abgesehen davon, dass Du, lieber Data, die Sachen wenigstens kennst, muss doch irgendwas drinstecken, was zu ihrer Zeit einen Nerv getroffen hat. Um ehrlich zu sein: bei "Tonefloat" trifft das bei mir auch heute noch zu, die anderen kannst Du getrost in der Pfeife rauchen.
Und trotzdem: was spricht dagegen, sich auch Amon Düül II oder Klaus Schulze wieder mal anzuhören und sich davon inspirieren zu lassen? Da ist bestimmt eine Idee drin, die man in neuem Kontext wiederverwurschteln kann.

Das ist ja auch so ein Thema, was ich oben nur angeschnitten habe – diese Inzucht-Inspiration aus dem Radio oder aus dem gleichen Genre-Sud. Gibt's was langweiligeres? Da kann ich nur, auch wenn ich kein Fan bin, Radiohead meinen Respekt zollen, dass sie extreme Krautrockeinflüsse, wenn nicht gleich Zitate, in ihre Musik eingebaut haben, und zwar zu einer Zeit, als Krautrock eher bäh war (OK; sie haben's zum Teil auch nur von Stereolab geklaut, aber trotzdem, und vor allem anders). Somit haben sie's hinbekommen, anders und Neu (bemerke das Wortspiel :)) zu klingen als ihre Kollegen, und siehe da, der Markt hat's honoriert.

Wieso kennen viele der Bands, oder deren Songwriter, mit denen ich zu tun habe, immer nur das Sahnehäubchen des Genres, auf das sie sich beziehen? Ich sage so oft "Super, klingt ja wie eine Passage von XY!" und ernte fragende Blicke. Dann spiel ich's vor, und alle schreien "Wuaah, das muss ich mir sofort besorgen!". Klar kann man nicht alles kennen, aber muss man deswegen aus reiner Faulheit – oder Selbstüberschätzung – ignorant bleiben? (Und ich fang jetzt gar nicht an mit "erfolgreichem" Deutschrap, weil die Trottel kennen ja wohl echt gar nix ausser den Loops aus der Magix MusicMaker Hiphop Edition)

Klinke
11-01-2011, 10:25 AM
Was ich damit sagen will: ob Musik "gut" oder "schlecht" ist, entscheidet nicht das Urteil eines fachkundigen Gitarristen, Kritikers oder Musikpolizisten. Am Ende entscheidet lustigerweise der Markt.

Der Markt entscheidet nur über erfolgreich oder nicht erfolgreich (und auch das eigentlich nur im monitären Sinne, also eigentlich sogar nur über umsatzstark oder umsatzschwach). Warum Du nun gerade dies mit gut oder schlecht gleichsetzt und nicht z.B. intelligent, kann ich nicht nachvollziehen und ich halte das auch für völlig willkürlich.

beingmf
11-01-2011, 10:35 AM
Der Markt entscheidet nur über erfolgreich oder nicht erfolgreich (und auch das eigentlich nur im monitären Sinne, also eigentlich sogar nur über umsatzstark oder umsatzschwach). Warum Du nun gerade dies mit gut oder schlecht gleichsetzt und nicht z.B. intelligent, kann ich nicht nachvollziehen und ich halte das auch für völlig willkürlich.

Die Diskussion hatte ich schon oft – nenn mir ein stichhaltigeres Kriterium :)

strinxx
11-01-2011, 11:15 AM
Naja... kann ich jetzt schon nachvollziehen...

z.B. "Volkstümliche Musik". Was das sein soll weiss eigentlich keiner, sieht man aber in allen Musikanten-Stadeln die da so laufen..
Was da zu hören ist, ist doch nicht "gut" zu nennen - bestenfalls raffiniert, wenn man damit Geld machen kann.
In der Regel völlig einfallslos und beliebig austauschbar produziert, find ich. Verkauft sich aber ganz prächtig!
(das Zeug hat übrigens nix mit alter Volksmusik zu tun)

Oder...?

beingmf
11-01-2011, 11:55 AM
Es reicht ja auch nicht ein Kriterium allein, sondern es sollten alle 3 erfüllt sein. Ich weiss, dass es schwierig ist, dem Gedankengang zu folgen. Das erste Mal hatte ich diese Diskussion mit einem Jazz-Saxophonisten, der mir am Ende tatsächlich zugestimmt hat. Ich weiss aber nicht mehr, wie ich das genau hingekriegt habe :)

Aber einigen wir uns doch einfach auf "originär" und/oder "mutig" – wobei des Einen "mutig" des Anderen "öd" sein kann. Dessen nämlich, der genug kennt.

Hatte übrigens heute nachmittag auf einer Gartenparty ein Gespräch mit einem Freund mit Punk-Background (dessen nächste Platte ich aufnehmen/mischen soll), der gerade "The Cure" wiederentdeckt hat. Damals gehasst, neulich wieder angehört und für absolut "relevant" (auch so ein Kriterium, mit dem aber die wenigsten etwas anfangen können) befunden. Die nächte Platte soll also an die Soundwelt von Cure erinnern – bin mal gespannt, was mich da produktionstechnisch erwartet :)

Mir geht's ja ähnlich wie ihm. Ich verarbeite gerade musikalisch meine halbe Kindheit, und zwar genau die Sachen, bei denen ich das Kotzen bekommen habe. Mit Abstand und ohne Coolness-Scheuklappen betrachtet stellt sich das plötzlich als sehr tolle Musik heraus.

EDIT: stimmt, ein Argument fällt mir gerade wieder ein, das allerdings ist sehr schwierig nachzuweisen. Nämlich das der "Funktionsmusik". Wenn Musik rein zum Zweck des Verkaufs einer Ware oder sich selbst produziert wurde, greift für mich schon die Gattung "Musik" als Kunstform nicht. Geschrieben von jemandem, der auch Funktionsmusik zum Zwecke des Broterwerbs produziert...

moio
11-01-2011, 11:56 AM
Naja... kann ich jetzt schon nachvollziehen...

z.B. "Volkstümliche Musik". Was das sein soll weiss eigentlich keiner, sieht man aber in allen Musikanten-Stadeln die da so laufen..
Was da zu hören ist, ist doch nicht "gut" zu nennen - bestenfalls raffiniert, wenn man damit Geld machen kann.
In der Regel völlig einfallslos und beliebig austauschbar produziert, find ich. Verkauft sich aber ganz prächtig!
(das Zeug hat übrigens nix mit alter Volksmusik zu tun)

Oder...?

Ganz recht :-)

Ich denke, an diesem Beispiel sieht man, dass Menschen Musik aus jeweils anderen Beweggründen rezipieren/konsumieren.

Wer behauptet, er höre Volksmusik, weil sie so besonders musikalisch sei, den würde ich Lügen strafen. Vielleicht sorgt Volksmusik bei manchen Hörern einfach für gute Laune?!

Und da muss man wohl einfach gerechterweise sagen: Auch dieses (fürchterlich niedere) Motiv hat seine Legitimation. Obwohl ich hier in den allgemeinen Kritik-Kanon einstimme, würde ich sagen: Wir wollen doch nicht alle Menschen zur Musikerpolizei machen, oder?

Oder doch?!

Klinke
11-01-2011, 12:56 PM
Die Diskussion hatte ich schon oft – nenn mir ein stichhaltigeres Kriterium :)

Gut/schlecht ist einfach keine brauchbare Kategorie, daher sehe ich überhaupt kein taugliches Kriterium. Natürlich kann man irgendeine Kriterium , welche man für objektiv bewertwart hält, als das relevanteste Kriterium auswählen, aber jegliche Auswahl halte ich für ziemlich willkürlich.

Abgesehen davon: Wenn jemand zu mir sagt, die Musik sei gut, interpretiere ich seine Aussage sicherlich nicht als, die Musik ist erfolgreich, sondern als, die Musik gefällt ihm. Also als eine klare subjektive Aussage. Falls man von etwas anderem redet, sollte man dann auch das andere halt genau bezeichnen, also halt von relevant, intelligent, originär oder halt umsatzstark reden.

beingmf
11-01-2011, 02:10 PM
Hm, ich glaube, ich muss den Thread irgendwie umbiegen. Ihr habt ja zum Teil recht, dass meine angedachte Argumentation arg in Richtung Subjektivität abdriften kann, wenn man sie so interpretieren möchte.

Dumm an meinem Beispiel "gut" ist wohl, dass zwar jeder weiss, was damit gemeint ist, allerdings ein objektives Bewertungskriterium aus welchem Grund auch immer nicht angewendet werden kann.

Dann stelle ich einfach die Frage aus Post Nr. 5:

Warum sind die Deutschen zu blöd, sich ein Stück vom Kuchen "international erfolgreiche Popmusik" abzuschneiden?

Ich fange mal "an der Basis" an:
Ich erkenne unter den Musikproduzierenden hauptsächlich zwei Muster.
Muster 1 ist "Ich bin gut, denn ich habe mein Instrument/Komposition/Jazz studiert, und weiss jetzt alles. Was ich so im Radio an angloamerischwedischer Musik höre, kann ich doch mit der linken Arschbacke runterklimpern."
Dieses m.E. typisch deutsche Selbstüberschätzungsmuster lässt eines leider ausser acht: die Kommunikation mit dem Adressaten. Wenn der Sender nicht von seiner Message überzeugt ist, wird beim Adressaten auch nichts (emotionales) ankommen. In diesem Muster geht es um nachvollziehbare technische Details, die einer Überprüfung der typisch deutschen Musikpolizei standhalten können. Der Normalo-Hörer ist aber nun mal kein Beamter der MP.
Im Falle der "volkstümlichen Musik" bezweifle ich ja stark, dass 50% der Urheber das tatsächlich ernst meinen, was sie verzapfen, und sind trotzdem erfolgreich. Das liegt aber wahrscheinlich an der Bereitschaft der minderbemittelten Klientel, sich mit Phrasen und symbolhaften Kürzeln abspeisen zu lassen. Ich habe mir lang überlegt, das Wort "minderbemittelt" hinzuschreiben, aber ich wüsste echt niemanden, der ohne 5 Mass intus zu haben oder anonymer Intelligenzverweigerer zu sein, sich diese Heile-Welt-Gülle freiwillig anzuhören.

Muster 2 ist: "Ich mache alles anders, ihr könnt mich mal. Und ihr werdet sehen, dass ich irgendwann damit Erfolg haben werde." Der Musikurheber dieses Typs würde sich in diesem Thread sehr wohl fühlen, würde allerdings auch nichts lernen. Es spielt seit 20 Jahren immer die gleichen Phrasen und Phrasierungen auf seiner Vintage Hollow Body. Spielt man ihm eine simple Melodie vor, die zwei drei Offbeat-Betonungen hat, schafft er es selbst nach einer halben Stunde nicht, sie flüssig nachzuspielen. Dann beginnt er über den Sinn den Musikmachens nachzudenken und landet letzten Endes wieder bei "Ich mache alles anders. Ihr könnt mich mal."
Dummerweise kann ich nicht behaupten, dass sein Output nicht "persönlich" und "originär" wäre. Aber jeder von Euch, ich schwöre, würde hören, dass diese Songs keinerlei Substanz oder Originalität haben. Er selbst ist allerdings davon überzeugt, dass sie total der Oberhammer sind.

Das klingt vielleicht für manche zynisch und gemein, aber ich treffe immer wieder auf solche Leute, die absolut davon überzeugt sind, dass sich höherer Aufwand – sei es Zeit, um musikalisch zu recherchieren oder die Kenntnisse an seinem Instrument oder in Harmonielehre zu erweitern (auch genannt "Üben") – niemals lohnt, weil alles doch sowieso so billig und einfach gestrickt ist. Und die trotzdem erfolgreiche Popmusik machen wollen.

Leute, so geht das nicht. Beide hören einfach nicht hin. Beide hören eine äussere, formale Hülle, die in ihren Ohren mit beliebigen Banalitäten gefüllt werden kann. Zugegeben: ein Blick in die Charts offenbart zum Grossteil genau das, aber das beständig Erfolgreiche wird mehr sein als die Hülle und mehr sein als der Inhalt.

Proton
11-01-2011, 02:22 PM
Schöne Diskussion.
Es geht ja nicht nur um gut oder schlecht, sondern eben auch um Vielfalt, Abwechslung, etwas, wofür es sich lohnt, zuzuhören. Das wollen nicht nur Musiker /Musikschaffende. Es gibt genug Leute auf "Konsumentenseite", die gerne zuhören wollen, eben mehr als ein bißchen mitwippen.
Ich stimme absolut zu, dass auch "Radiotaugliche Popmusik" dieses Bedürfnis erfüllen könnte, die deutsche es aber leider wirklich nicht tut.

Und ich finde es bezeichnend, dass man so etwas im REAPER Forum zu lesen bekommt, unterscheidet die Software sich doch auf erfrischende Art von anderen, ohne das Konzept "DAW" neu zu erfinden bzw. total umzukrempeln.
So wie "gute" Popmusik sein sollte, einfach, klar, "massentauglich",
und trotzdem schlau und ideenreich.

Ich hoffe, es wird auch wieder einen Umschwung geben in Sachen Kultur, da finde ich den Ansatz
"Kurz: wenn man doch sowieso nur noch 1000 Verkaufseinheiten braucht, um in den Top 30 zu landen, warum nicht mit was Vernünftigem?"
eigentlich gar nicht dumm, vielleicht erleben wir es ja noch :)

Klinke
11-01-2011, 02:41 PM
Dann stelle ich einfach die Frage aus Post Nr. 5:

Warum sind die Deutschen zu blöd, sich ein Stück vom Kuchen "international erfolgreiche Popmusik" abzuschneiden?

Muster 1...
Muster 2...


Bisher ging es ja (wenn ich nichts übersehen habe) bei einem wenigen internationalen Vergleich nur um die Konsumentenseite (wobei da z.B. dann auch die Frage auftaucht, warum es in Deutschland ein ausgeprägteres Formatradio gibt, als im Ausland (was ich überhaupt nicht beurteilen kann)). Hast Du eine Theorie, warum die von Dir beschriebenen Musikertypen häufiger in Deutschland existieren sollen als im Ausland?

Mr. Data
11-01-2011, 02:45 PM
Das klingt vielleicht für manche zynisch und gemein, aber ich treffe immer wieder auf solche Leute, die absolut davon überzeugt sind, dass sich höherer Aufwand – sei es Zeit, um musikalisch zu recherchieren oder die Kenntnisse an seinem Instrument oder in Harmonielehre zu erweitern (auch genannt "Üben") – niemals lohnt, weil alles doch sowieso so billig und einfach gestrickt ist. Und die trotzdem erfolgreiche Popmusik machen wollen.


Nöö, für mich klingt das nicht zynisch. Ich kenne auch genug von der Sorte. Und viele von der "Anders"-Fraktion, machen das Anders-sein oft gern zum Selbstzweck, nicht selten um zu provozieren, wodurch "anders" dann zum Synonym für "schrecklich" werden kann. Nicht wenige dieser Fraktion sind erfolgreich, weil die Käufer solcher Werke natürlich auch provozieren wollen, und seien es nur ihre Eltern.


-Data

beingmf
11-01-2011, 04:11 PM
Kleiner Einwurf, der nicht mit dem eigtenlichen Thema zu tun hat:
Fällt Euch auf, dass das bisher ein äusserst zivilisierter, konstruktiver, toller Thread ist? Das gibt es nun mal gaaaaanz selten. Bitte so weitermachen – bin begeistert!

Vielleicht schaffen wir's ja doch noch, die Welt zu retten ;)

beingmf
11-01-2011, 04:12 PM
Bisher ging es ja (wenn ich nichts übersehen habe) bei einem wenigen internationalen Vergleich nur um die Konsumentenseite (wobei da z.B. dann auch die Frage auftaucht, warum es in Deutschland ein ausgeprägteres Formatradio gibt, als im Ausland (was ich überhaupt nicht beurteilen kann)). Hast Du eine Theorie, warum die von Dir beschriebenen Musikertypen häufiger in Deutschland existieren sollen als im Ausland?

Die Typen existieren bestimmt im Ausland ganz genauso – a) mich regt halt diese Selbstüberschätzung auf und b) masst sich von denen wohl kaum einer an, mit seiner Schiene erfolgreich sein zu wollen. Aber eigentlich spielt das ja auch keine Rolle, immerhin kriegen "die" es hin, und wir nicht :)

Jolu
11-01-2011, 05:21 PM
So wie "gute" Popmusik sein sollte, einfach, klar, "massentauglich",
und trotzdem schlau und ideenreich.

Das wird wohl unter unserem gegenwärtigen Wirtschaftssystem eine Illusion bleiben, denn gerade weil sie "massentauglich" ist, d.h. Massencharakter angenommen hat, muss sie zwangsläufig stereotyp verflachen. Man kennt das Phänomen auch von den Autos, die sich immer mehr in Inhalt und Form aneinander angepasst haben, so dass oft nur noch ein Blick auf das Automarken-Logo Auskunft darüber geben kann, um welche Marke es sich eigentlich handelt.

Heute wird Kultur nicht nur gelegentlich für den Markt produziert (wie etwa zu Mozarts Zeiten, als Musiker ihre gedruckten Kompositionen verkauften), sondern sie wird längst vollständig als kapitalistische Ware produziert. Kunstwerke sind spätestens seit dem 18. Jahrhundert Ware im kapitalistischen Kunstmarkt, während Popmusik die erste "Musik" ist, die nie eine andere Daseinsweise als die ihrer Kommerzialisierung gekannt hat.

Und genau so quillt sie auch als anspruchslose übersättigte Beliebigkeit aus den Radios heraus - und wird paradoxerweise auch noch von denen kritisiert, die sich dem Imperativ der warenproduzierenden Vermarktungslogik "schlau und ideenreich" unterworfen haben.

Mr. Data
11-01-2011, 06:01 PM
Ja, aber zwischen Mozart und heute liegen rund 250 Jahre. Für heute mag das sicher zutreffen, aber noch in den 70er und 80er Jahren (des vergangenen Jahrhunderts ;)) hat z.B. Konrad Plank vielen innovativen Musikern mit großem eigenen Risiko zu internationaler Bekanntheit verholfen.


-Data

moio
11-02-2011, 12:38 AM
Da schläft man mal eben 7 Stunden - und schon zieht die Diskussion an einem vorüber :-)

Das wird wohl unter unserem gegenwärtigen Wirtschaftssystem eine Illusion bleiben, denn gerade weil sie "massentauglich" ist, d.h. Massencharakter angenommen hat, muss sie zwangsläufig stereotyp verflachen. Man kennt das Phänomen auch von den Autos, die sich immer mehr in Inhalt und Form aneinander angepasst haben, so dass oft nur noch ein Blick auf das Automarken-Logo Auskunft darüber geben kann, um welche Marke es sich eigentlich handelt.

Gutes Beispiel, das mit den Autos. Erinnert mich an das Auto-Tune-Phänomen, dem die gesamte Hip Hop-Szene unterworfen ist (oder war). Jeder Depp meint, er müsse seine Stimme durch Antares jagen - und schon wird's geil und verkauft sich.



Und genau so quillt sie auch als anspruchslose übersättigte Beliebigkeit aus den Radios heraus - und wird paradoxerweise auch noch von denen kritisiert, die sich dem Imperativ der warenproduzierenden Vermarktungslogik "schlau und ideenreich" unterworfen haben.

Aber kann man dem wirklich entfliehen? Jede Gegenbewegung wird wohl zugleich auch immer wieder Ziel der Vermarktungsmaschine werden. Vielleicht ist das unvermeidbar.

beingmf
11-02-2011, 12:52 AM
, denn gerade weil sie "massentauglich" ist, d.h. Massencharakter angenommen hat, muss sie zwangsläufig stereotyp verflachen.

Aber kann man dem wirklich entfliehen? Jede Gegenbewegung wird wohl zugleich auch immer wieder Ziel der Vermarktungsmaschine werden. Vielleicht ist das unvermeidbar.

Ich sehe das genau so, nur beschreibt Ihr beide einen Prozess und nicht einen Status. Es geht mir ja um das Produkt, das noch relativ am Anfang des Prozesses der Verflachung steht.
Genau betrachtet sieht es so aus, als würden die deutschen Produktionen immer schön das Verflachungspferd von hinten aufzäumen wollen. Aber warum?

El-Rallef
11-02-2011, 01:29 AM
Man kennt das Phänomen auch von den Autos, die sich immer mehr in Inhalt und Form aneinander angepasst haben, so dass oft nur noch ein Blick auf das Automarken-Logo Auskunft darüber geben kann, um welche Marke es sich eigentlich handelt.


Das ist auch eines der beliebtesten und unausrottbarsten Missverständnisse, sowohl in Hinsicht auf Popmusik als auch PKWs.

Autos und Popmucke warne ZU JEDER ZEIT seit ihrer Erfindung zu einem gegebenen Zeitpunkt größtenteils langweilig und ununterscheidbar. Ich habe Beschwerden aus den 30 Jahren gelesen, dass alle Autos gleich aussehen, und selbiges über die Musikwelt der 1960, wo man sich beschwerte, dass alles nur noch nach Beatles klingt.

Die Vorstellung, dass "früher" alles viel interessanter war, ist nur durch die Tatsache begründet, dass der zurückliegende Zeitraum von 100/50/<X> Jahren als Zeitpunkt betrachtet wird.

El-Rallef

moio
11-02-2011, 02:46 AM
Das ist auch eines der beliebtesten und unausrottbarsten Missverständnisse, sowohl in Hinsicht auf Popmusik als auch PKWs.

Autos und Popmucke warne ZU JEDER ZEIT seit ihrer Erfindung zu einem gegebenen Zeitpunkt größtenteils langweilig und ununterscheidbar. Ich habe Beschwerden aus den 30 Jahren gelesen, dass alle Autos gleich aussehen, und selbiges über die Musikwelt der 1960, wo man sich beschwerte, dass alles nur noch nach Beatles klingt.

Die Vorstellung, dass "früher" alles viel interessanter war, ist nur durch die Tatsache begründet, dass der zurückliegende Zeitraum von 100/50/<X> Jahren als Zeitpunkt betrachtet wird.

El-Rallef

Hm, schwierig. Was Autos angeht, so glaube ich schon, dass der Umstand, dass immer weniger Zuliefererfirmen dieselben Hersteller beliefern und dass es eine steigende Anzahl an Synergien und Koops gibt, dafür, dass der Einheitsbrei dicker und zäher wird. Aber wir wollten ja über Musik reden :-)

Ich gebe dir aber Recht: "Früher war alles besser" ist gewissermaßen das typische konservative Argument. Aber wenn man es mal so sieht: Abgesehen von den großen Komponisten, der "Neuen Deutschen Welle", "Kraftwerk" und Techno wüsste ich tatsächlich keinen musikalischen Impuls, der in letzter Zeit von deutschem Boden ausging*. Insofern würde ich beingmf Recht geben.

*Immerhin hat das mit den Weltkriegen ja aufgehört.

beingmf
11-02-2011, 04:07 AM
Die Vorstellung, dass "früher" alles viel interessanter war, ist nur durch die Tatsache begründet, dass der zurückliegende Zeitraum von 100/50/<X> Jahren als Zeitpunkt betrachtet wird.

Warum ist dann zum Beispiel "Lucy In The Sky With Diamonds" von jedem musikalischen Standpunkt aus betrachtet ein absolutes Meisterwerk, und "Haha Said The Clown" nicht? Und warum gibt es dennoch tausende andere tolle Songs aus den 60ern, wenn sie doch alle so gleich klingen – hör Dir doch nur mal "The Association" an, die ich als 60's-Besispiel in Post Nr. 5 anführe: "Along Comes Mary", "Windy", "Never My Love", "Wantin' Ain't Gettin'". Das sind absolute Pop-Hämmer, mit soviel tollen Ideen drin, dass man heutzutage wahrscheinlich 10 Songs draus basteln könnte, und trotzdem hat man nicht das Gefühl, dass da übertrieben wurde.

Aber mal ganz ehrlich und davon abgesehen: darum geht's hier gar nicht :) Es geht nicht darum, dass "die" Popmusik "überall" ununterscheidbar stumpfsinnig geworden ist, sondern darum, dass deutsche Produktionen aus hier noch zu erörternden Gründen nicht mal diesen Mindeststandard an Originalität und Wow-Faktor erfüllen. Ich bring jetzt nochmal ein anderes Beispiel: ein Freund von mir (der eigentlich gerade eher so Drone-Elektronik macht) will mich bei jedem Treffen davon überzeugen, dass Katy Perry das Grösste ist, was momentan an Popmusik zu finden ist. Ich finde Katy Perry nun eigentlich eher zu bubblegummig und zu pubertär, irgendwas muss jedoch dran sein. Aber nicht mal sowas kriegen wir in D-Land hin.

Ich glaube ja auch, dass hierzulande "Professionalität" gerne mit "Business-Attitüde" verwechselt wird. Bevor auch nur ein zu Ende gedachter vernünftiger Song im Soundblaster-Studio demoproduziert ist, wird schon an die Vermarktung gedacht, eine Firma gegründet und eine dicke Facebook-Seite aufgestellt. Nur: einem Banker kauf ich halt nicht ab, dass er Bubblegum-Pop so richtig und ehrlich knorke findet. Und das hört, besser gesagt: fühlt man auch im Ergebnis.

beingmf
11-02-2011, 04:08 AM
*Immerhin hat das mit den Weltkriegen ja aufgehört.

Meinst du so quasi als Auslöser für die ganze Noise- und Industrial-Szene? :)

Jolu
11-02-2011, 05:35 AM
Aber kann man dem wirklich entfliehen? Jede Gegenbewegung wird wohl zugleich auch immer wieder Ziel der Vermarktungsmaschine werden. Vielleicht ist das unvermeidbar.

Selbstverständlich sind wir alle ein Teil eines Verwertungssystems das wir täglich an uns selbst exekutieren. Entfliehen kann man m.E. nur - zumindest was die Kreativität betrifft - indem man seine Musik an der eigenen Individualität festmacht bzw. zur absoluten Privatsphäre erklärt und sie somit in den "Status der Unverkäuflichkeit" erhebt. Nur was sich nicht verwerten lässt, unterliegt auch nicht der geistigen Dressur der Musikindustrie. Das wirft natürlich zwangsläufig auch existenzielle Fragen auf.

Aber wer weiß, vielleicht handelt es sich um eine ambivalente Entwicklung die nicht nur einen "musikalischen Analphabetismus" freisetzt, sondern auch eine "subversive Kreativität", die nicht mehr den totalitären Anforderungen der Verwertung folgt, sondern ungewollt eine neue intellektuelle Musik-Gegenkultur auf den Weg bringt - wie sie zum Teil schon im Internet aufleuchtet - wobei ich bei "Merzbow" ausschließlich an "subversive Provokation" denke. ;)


Ich sehe das genau so, nur beschreibt Ihr beide einen Prozess und nicht einen Status. Es geht mir ja um das Produkt, das noch relativ am Anfang des Prozesses der Verflachung steht.

Ist nicht alles prozessierend? An welchen Status denkst Du?

Miserabel bezahlte, sozial degradierte und gehetzte Kultur- und Medienarbeiter stellen logischerweise auch miserable Produkte her. Der Prozess der Verflachung beginnt meiner Meinung nach da, wo die entfesselte Logik des Geldes ihre Spuren der Verwüstung hinterlässt. Wenn die Produktion von Songs, Filmen, Bildern und Sinfonien gleichermaßen nur noch als Kapital stattfinden kann, dann gilt es besonders diesen totalitären kreativfeindlichen Status aufzuheben - meinst Du nicht auch?

moio
11-02-2011, 06:06 AM
Selbstverständlich sind wir alle ein Teil eines Verwertungssystems das wir täglich an uns selbst exekutieren. Entfliehen kann man m.E. nur - zumindest was die Kreativität betrifft - indem man seine Musik an der eigenen Individualität festmacht bzw. zur absoluten Privatsphäre erklärt und sie somit in den "Status der Unverkäuflichkeit" erhebt. Nur was sich nicht verwerten lässt, unterliegt auch nicht der geistigen Dressur der Musikindustrie. Das wirft natürlich zwangsläufig auch existenzielle Fragen auf.

Irgendwie höre ich da den guten alten Theo Adorno raus :-) Der hat doch am Ende auch seine eigene Zwölfton-Musik geschrieben, als "Kritik an der Kulturindustrie und Musikpädagogik, sowie Hörtypologie" (Zitat Wikipedia). Wollte nur niemand hören.

Natürlich kann man das so machen und zuhause alleine vor sich hin brödeln. Aber wir wollen doch mit unserer Musik andere bewegen, oder (so viel Idealismus würde ich manchen Musikern immer noch unterstellen)? Und da gehts wieder los mit dem Vermarkten.

beingmf
11-02-2011, 06:17 AM
Ist nicht alles prozessierend? An welchen Status denkst Du?

Na an den Status, wo der erfolgreiche Originalsong mit den guten Ideen noch aufregend und frisch ist, bevor also die unkreativen Kreativen die Plagiate rausfeuern und den Verflachungsprozess starten.

Miserabel bezahlte, sozial degradierte und gehetzte Kultur- und Medienarbeiter stellen logischerweise auch miserable Produkte her. Der Prozess der Verflachung beginnt meiner Meinung nach da, wo die entfesselte Logik des Geldes ihre Spuren der Verwüstung hinterlässt. Wenn die Produktion von Songs, Filmen, Bildern und Sinfonien gleichermaßen nur noch als Kapital stattfinden kann, dann gilt es besonders diesen totalitären kreativfeindlichen Status aufzuheben - meinst Du nicht auch?

Wenn es denn so einfach und schwarz-weiss wäre, würde ich das begrüssen. Obwohl ich zu einer anderen Schlussfolgerung komme, hast Du den Kern des Problems (und meines Ansatzes) ziemlich genau beschrieben.
Deine Konsequenz ist: "Musik als Privatvergnügen betreiben, dem Kommerz entsagen". Wie Du gleich elegant weiterschlussfolgerst, führt das im Sinne der kreativen Befruchtung eher nirgendwohin. Oder halt zu musikalischer Subversion, wenn nicht gleich Anarchie. Aber die wird es, m.E. eh immer geben, je nach Charakter des Produzierenden.

Meine Schlussfolgerung hingegen ist ja eine ganz andere. Wenn ich böse wäre, würde ich sagen, Du läufst der Herausforderung davon, so zu komponieren/produzieren, dass Du damit auch eine grössere Zahl Empfänger erreichst, als nur Freundeskreis und das Alternativclubpublikum Deiner Stadt.
Ich bin aber nicht böse, sondern betrachte jede Art Kunst auch immer notwendigerweise als "Schaffen innerhalb fest gesteckter Grenzen" *. Ich meine ja, Du steckst Dir einfach nur keine Grenzen, weil Du denkst, Grenzen sind unnötig und behindern nur. Finde ich nicht, im Gegenteil. Diese Grenzen können übrigens beliebig sein, z.B. "In dem Song muss Preset 47 vom Roland D-50 prominent vorkommen" oder "Die D-Saite der Gitarre muss auf Dis gestimmt werden", scheissegal. Genauso kann ich aber auch entscheiden: "Der Song soll Element 1, 2 und 3 von folgenden Nr.1-Hits aus den Jahren 1991, 99 und 2008 neu interpretieren." Meine kreative Aufgabe, und der Spass an der Sache ist doch um ein Vielfaches grösser, je mehr ich mich selbst innerhalb dieser Regeln verwirklichen will. Und ausserdem ist es ein klasse Writer's-Block-Killer :).

* macht das mal: klopft mal das Werk diverser Künstler auf solche Regeln ab. Es funktioniert meistens ziemlich eindeutig.

beingmf
11-02-2011, 06:18 AM
Aber wir wollen doch mit unserer Musik andere bewegen, oder

Bingo – ist Musik, die niemand hört, Musik?

Klinke
11-02-2011, 12:47 PM
"Musik als Privatvergnügen betreiben, dem Kommerz entsagen". Wie Du gleich elegant weiterschlussfolgerst, führt das im Sinne der kreativen Befruchtung eher nirgendwohin.

Also es gibt ja wohl noch ziemlich viel Facetten zwischen Kommerz und Privatvergnügen. Z.B. ...

Meine Schlussfolgerung hingegen ist ja eine ganz andere. Wenn ich böse wäre, würde ich sagen, Du läufst der Herausforderung davon, so zu komponieren/produzieren, dass Du damit auch eine grössere Zahl Empfänger erreichst, als nur Freundeskreis und das Alternativclubpublikum Deiner Stadt.

... das Alternativclubplublikum. Wenn ich selber Musik höre die weit abseits von Kommerz ist, warum sollte es mein Ziel sein, den Mainstream erreichen zu wollen? Es liegt doch nah, dass einen die Subkultur, in der man sich selber bewegt, deutlich wichtiger ist. Meine grosse Hoffnung war mal, ein Release auf Moteer unterzubringen, deren Auflagen meist auf 300 Kopien limitiert sind/waren und sich auch gerne mal einer Download-Veröffentlichung verweigert haben, obwohl die Auflage schnell ausverkauft war. Weil ich halt damit in den Kreis von Musikern aufgenommen worden wäre, deren Musik ich verehre.

Mir ist auch langsam nicht mehr so ganz klar, um was es hier bei dem Thread überhaupt geht. Um Popmusik aus Deutschland? Popmusik die im deutschen Radio gespielt wird? So ganz allgemein würde ich nämlich die Behauptung, dass "deutsche Produktionen aus hier noch zu erörternden Gründen nicht mal diesen Mindeststandard an Originalität und Wow-Faktor erfüllen". Z.B. finde ich, dass die erste Quarks-Platte (zuhause) auf jeden Fall Originalität besitzt und sie hat zumindet bei mir auch ein Wow ausgelöst (Wows sind allerdings wieder eine sehr subjektive Sache). Als Quarks dann von Monika zu Sony gewechselt haben, war es damit aber vorbei. Die spannende Frage ist halt, ob das nun ein Zufall ist oder nicht? Ins Radio sind sie sicherlich eher mit den Sony Veröffentlichungen gekommen.

Klinke
11-02-2011, 12:48 PM
Bingo – ist Musik, die niemand hört, Musik?

Wenn jemand für sich alleine Musik macht, dann macht er doch schon Musik, oder?

taigablues
11-02-2011, 04:00 PM
Als Deutscher, der seit 10 Jahren in Schottland lebt, kann ich aus eigener Anschauung berichten, dass die radiokompatible Popmusik auch im gelobten Pop-Land UK ueberwiegend Muell ist. TV-Sendungen wie DSDS usw. sind nicht aus Zufall in England erfunden worden...

Ausserdem ist es nicht nur die deutsche Popmusik, die international seltenst konkurrenzfaehig ist. Fuer so ziemlich alle Laender geht das naemlich in aller Regel immer nur in die eine Richtung: die Amis und Briten produzieren's und der Rest der Welt konsumiert.

Popmusik wie wir sie seit 50 Jahren kennen ist nun mal eine angelsaechsische Erfindung und sowohl sprachlich (wenn's nicht auf Englisch ist kannst du den internationalen Erfolg zu 99.9% vergessen) als auch was die Form und den Inhalt angeht stark an die Kultur der Herkunftslaender gebunden. Von daher erstaunt es mich nicht, dass sich deutsche Produzenten von Popmusik da eher schwer tun was vernuenftiges zu kreiren (und Produzenten anderer Nationalitaeten geht das bestimmt genauso...)

beingmf
11-03-2011, 01:23 AM
Mir ist auch langsam nicht mehr so ganz klar, um was es hier bei dem Thread überhaupt geht. Um Popmusik aus Deutschland? Popmusik die im deutschen Radio gespielt wird? So ganz allgemein würde ich nämlich die Behauptung, dass "deutsche Produktionen aus hier noch zu erörternden Gründen nicht mal diesen Mindeststandard an Originalität und Wow-Faktor erfüllen". Z.B. finde ich, dass die erste Quarks-Platte (zuhause) auf jeden Fall Originalität besitzt und sie hat zumindet bei mir auch ein Wow ausgelöst (Wows sind allerdings wieder eine sehr subjektive Sache). Als Quarks dann von Monika zu Sony gewechselt haben, war es damit aber vorbei. Die spannende Frage ist halt, ob das nun ein Zufall ist oder nicht? Ins Radio sind sie sicherlich eher mit den Sony Veröffentlichungen gekommen.

Das "Quarks"-Beispiel trifft den Nagel auf den Kopf. Dass die Songs von der ersten kruden Platte nicht ins Radio kommen, ist klar, aber dass sie (bzw. der Produzent) es wieder nicht hingekriegt haben, den Charme der Band in radiotaugliche Bahnen zu lenken, sondern einfach gleich alle Regler auf "billig" drehen, das verstehe, wer will. (btw. ich hasste die Band sowieso, egal in welcher Phase :)).

Wenn jemand für sich alleine Musik macht, dann macht er doch schon Musik, oder? Das kann nur der beantworten, der das macht.

Als Deutscher, der seit 10 Jahren in Schottland lebt, kann ich aus eigener Anschauung berichten, dass die radiokompatible Popmusik auch im gelobten Pop-Land UK ueberwiegend Muell ist. TV-Sendungen wie DSDS usw. sind nicht aus Zufall in England erfunden worden...

Ausserdem ist es nicht nur die deutsche Popmusik, die international seltenst konkurrenzfaehig ist. Fuer so ziemlich alle Laender geht das naemlich in aller Regel immer nur in die eine Richtung: die Amis und Briten produzieren's und der Rest der Welt konsumiert.

Popmusik wie wir sie seit 50 Jahren kennen ist nun mal eine angelsaechsische Erfindung und sowohl sprachlich (wenn's nicht auf Englisch ist kannst du den internationalen Erfolg zu 99.9% vergessen) als auch was die Form und den Inhalt angeht stark an die Kultur der Herkunftslaender gebunden. Von daher erstaunt es mich nicht, dass sich deutsche Produzenten von Popmusik da eher schwer tun was vernuenftiges zu kreiren (und Produzenten anderer Nationalitaeten geht das bestimmt genauso...)

Zumindest gibt es, gerade aus UK, eine Menge radiokompatibler Musik, die den "Vibe" aktueller, durchaus auch abgefahrener Clubgenres verarbeitet, ohne total peinlich zu sein*. Klar gibt es Müll, muss es ja auch. Aber "so ziemlich alle Länder" stimmt definitiv nicht. Im Segment des Indie-und-radiokompatiblen Pop touren unentwegt skandinavische Bands durch halb Europa, und wenn ich mir aktuelle französische Pop(-Chanson?)-Produktionen anhöre, dann sind nicht wenige davon der absolute Wahnsinn: catchy, einfallsreich, atmosphärisch, stimmig produziert (auf französisch übrigens!).

Wahrscheinlich ist was dran an der Erfindertheorie. Engländer und Amis leben das vielmehr – schade nur, dass meine Generation, die ja auch in einer einzigen Wolke von Popmusik aufgewachsen ist, die Eindrücke und Einflüsse nicht besser, leider nur oberflächlich, verinnerlicht hat.


* mir fällt da was ein: das haben doch Notwist auch hinbekommen, und siehe da: Erfolg, und zwar international. Nun habe ich neulich zufällig mal einen der Band getroffen, und der kennt so ziemlich alles an seltsamer und nicht seltsamer Musik, was es gibt. Zufall?

beingmf
11-03-2011, 01:58 AM
Mir ist auch langsam nicht mehr so ganz klar, um was es hier bei dem Thread überhaupt geht. Um Popmusik aus Deutschland? Popmusik die im deutschen Radio gespielt wird?

Gerade nochmal drüber nachgedacht, weil ich plötzlich auch die Unterscheidung gar nicht mehr richtig hinkriegen wollte... Irgendwie sitzen doch – wie ziemlich zu Beginn mal geschildert – die Idioten in den Plattenfirmen. Die glauben immer noch dran, dass man mit dem Weg des ästhetisch geringsten Widerstands Millionen scheffeln könnte, anstatt sich einzugestehen, dass 50 Artists mit 8000 Downloads vielleicht der, auf längere Sicht gedacht, klügere Weg wären. Ob sich die Majors irgendwann selbst liquidieren, oder ob sie wohl einen Weg finden, Musik wieder wertvoll zu machen?

Ganz guter Artikel: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-29725632.html, aber noch besser: http://www.motor.de/motorblog/tim.renner/tim_renner_occupy_warner.html

Oh wow – gerade das SZ-Feuilleton vom letzten Wochenende (http://www.sueddeutsche.de/kultur/zur-lage-der-pop-musik-bob-bob-bob-1.1176285) gelesen: selbst Karl Bruckmaier benutzt das Wort "besser". Hm...

beingmf
11-03-2011, 03:57 AM
Als Deutscher, der seit 10 Jahren in Schottland lebt - - -

Weisst Du, was toll wäre? Wenn Du mal die Unterschiede zu Deutschland beobachten und beschreiben könntest. Wie wird denn in Deinem Bekanntenkreis (ob Musiker oder Konsument) mit Musik umgegangen? Inwiefern ist das Verständnis ein anderes? Wieso sickert Popkultur so in das ganz normale Alltagsleben ein? Und war John Higgins nun mit in den Skandal verstrickt oder nicht? :)

Jolu
11-03-2011, 12:10 PM
Meine Schlussfolgerung hingegen ist ja eine ganz andere. Wenn ich böse wäre, würde ich sagen, Du läufst der Herausforderung davon, so zu komponieren/produzieren, dass Du damit auch eine grössere Zahl Empfänger erreichst, als nur Freundeskreis und das Alternativclubpublikum Deiner Stadt.


Wenn ich jetzt meinerseits böse wäre, könnte ich im Umkehrschluss vermuten, dass sich hinter der Herausforderung von der Du sprichst, das Feigenblatt einer millionenfach geträumten Künstler-Karriere verbirgt. Und wenn Du ehrlich bist, dann ist doch der wahre Herausforderer der Egomane in Dir - und nicht die grosse Masse von geldverdienenden Menschen, deren musikalischer Horizont, wie jeder weiß, weitgehend an ihrer eigenen Wegwerfmentalität endet und als Nachfrage durchaus wechselseitig mit dem Angebot der von Dir kritisierten deutschen und internationalen Popmusik kompatibel ist.

Was mich betrifft, so sehe ich meine Musik als Ausdruck - als mein intimes Zwiegespräch mit mir selbst, und verweigere mich dem Publikumsgeschmack. Die Musik die ich mache ist frei und unabhängig und steht damit in der Tradition all jener Kunstschaffenden, die sich nicht von irgendwelchen direkten Auftraggebern am Nasenring vorführen lassen nur weil sie die warme Nische der "Nützlichkeit" vorziehen, indem sie als Auftragsmusiker wirken, Seminar-Angebote und Tonstudios betreiben oder - ganz neu - Mainstream-Projekte entwickeln - und auf Fördergelder spekulieren.

Ich bin Künstler mit Amateur-Status, weil ich genau diese absolute Freiheit haben möchte, den weißen Bogen Papier, den ich ganz nach meinen Vorstellungen gestalten kann - und nicht in Rücksichtnahme auf kommerzielle Interessen. Zumal ich nicht mit Musik angefangen habe, um mich mit Themen zu beschäftigen, die zwar angesagt sind, mich aber nur peripher interessieren, weil sie "auch nicht viel inspirierender" sind "als der andere Kram".

Auf die in diesem Kontext häufig gestellte Frage, was denn jetzt das "Problem" bei einer Musik-Komposition sei: sie zu spielen - oder aber sie zu verkaufen, lautet meine Antwort: Sie zu spielen - denn sonst wäre das einzige Problem, das ein Hirnchirurg hätte, ja auch Patienten zu finden - und nicht der Job an sich.

moio
11-04-2011, 02:30 AM
Wenn ich jetzt meinerseits böse wäre, könnte ich im Umkehrschluss vermuten, dass sich hinter der Herausforderung von der Du sprichst, das Feigenblatt einer millionenfach geträumten Künstler-Karriere verbirgt. Und wenn Du ehrlich bist, dann ist doch der wahre Herausforderer der Egomane in Dir - und nicht die grosse Masse von geldverdienenden Menschen, deren musikalischer Horizont, wie jeder weiß, weitgehend an ihrer eigenen Wegwerfmentalität endet und als Nachfrage durchaus wechselseitig mit dem Angebot der von Dir kritisierten deutschen und internationalen Popmusik kompatibel ist.

Was mich betrifft, so sehe ich meine Musik als Ausdruck - als mein intimes Zwiegespräch mit mir selbst, und verweigere mich dem Publikumsgeschmack. Die Musik die ich mache ist frei und unabhängig und steht damit in der Tradition all jener Kunstschaffenden, die sich nicht von irgendwelchen direkten Auftraggebern am Nasenring vorführen lassen nur weil sie die warme Nische der "Nützlichkeit" vorziehen, indem sie als Auftragsmusiker wirken, Seminar-Angebote und Tonstudios betreiben oder - ganz neu - Mainstream-Projekte entwickeln - und auf Fördergelder spekulieren.

Ich bin Künstler mit Amateur-Status, weil ich genau diese absolute Freiheit haben möchte, den weißen Bogen Papier, den ich ganz nach meinen Vorstellungen gestalten kann - und nicht in Rücksichtnahme auf kommerzielle Interessen. Zumal ich nicht mit Musik angefangen habe, um mich mit Themen zu beschäftigen, die zwar angesagt sind, mich aber nur peripher interessieren, weil sie "auch nicht viel inspirierender" sind "als der andere Kram".

Auf die in diesem Kontext häufig gestellte Frage, was denn jetzt das "Problem" bei einer Musik-Komposition sei: sie zu spielen - oder aber sie zu verkaufen, lautet meine Antwort: Sie zu spielen - denn sonst wäre das einzige Problem, das ein Hirnchirurg hätte, ja auch Patienten zu finden - und nicht der Job an sich.

So lange man nicht davon leben muss, hat doch jeder Musiker die Freiheit, zu komponieren, was er will, oder? Frei zu komponieren steht für mich aber auch nicht im absoluten Widerspruch zu "damit Geld verdienen". Ich denke, das ist eher eine Frage des Mutes, einen eigenen Weg einzuschlagen - oder eben nicht.

Frank Zappas Musik war ja auch nicht gerade alltags- und publikumstauglich. Und er hat Millionen damit verdient - und er hat ganz sicher nur das komponiert, was ihm durch den Kopf ging.

Ich glaube, es gibt auch einen Mittelweg. Ich mache meine eigene Musik, die offenbar nicht jedermanns Sache ist - und ich schreibe Songs, die ich verkaufe. Das tut nicht weh und es zahlt mir mein Equipment.

Jolu
11-04-2011, 02:12 PM
So lange man nicht davon leben muss, hat doch jeder Musiker die Freiheit, zu komponieren, was er will, oder?

Genau so ist es - so denke ich auch. :)

Ich wollte nur aufzeigen, dass die beklagte Verflachung der PopMusik nichts anderes darstellt, als den Zusammenbruch der kulturellen Subjektivität durch die gnadenlose Verwertung selbst intimster menschlicher Bereiche und dass die brutale Reduktion auf den verkürzten Zeithorizont und auf die Massendistribution des Marktes zuverlässig alles eliminiert, was mehr als ein Wegwerfprodukt sein will!

Und weil Musik und überhaupt die Kunst ihrem Wesen nach nicht marktkonform sein kann, der Künstler aber von ihr leben muss (Musik ist nichts Wahres ohne Bares), fährt er zunehmend seine Persönlichkeit zurück, indem er in vorauseilendem Gehorsam selber apriori in den Kategorien der Verkaufbarkeit denkt und produziert. Doch damit hat er seine Sache - nämlich mit seiner Kunst etwas zu bewegen - schon verloren und kann nur noch seine Selbstaufgabe ratifizieren (Das tut nicht weh und es zahlt mir mein Equipment). ;)

taigablues
11-05-2011, 06:58 AM
Zumindest gibt es, gerade aus UK, eine Menge radiokompatibler Musik, die den "Vibe" aktueller, durchaus auch abgefahrener Clubgenres verarbeitet, ohne total peinlich zu sein*. Klar gibt es Müll, muss es ja auch. Aber "so ziemlich alle Länder" stimmt definitiv nicht. Im Segment des Indie-und-radiokompatiblen Pop touren unentwegt skandinavische Bands durch halb Europa, und wenn ich mir aktuelle französische Pop(-Chanson?)-Produktionen anhöre, dann sind nicht wenige davon der absolute Wahnsinn: catchy, einfallsreich, atmosphärisch, stimmig produziert (auf französisch übrigens!).

Wahrscheinlich ist was dran an der Erfindertheorie. Engländer und Amis leben das vielmehr – schade nur, dass meine Generation, die ja auch in einer einzigen Wolke von Popmusik aufgewachsen ist, die Eindrücke und Einflüsse nicht besser, leider nur oberflächlich, verinnerlicht hat.

* mir fällt da was ein: das haben doch Notwist auch hinbekommen, und siehe da: Erfolg, und zwar international. Nun habe ich neulich zufällig mal einen der Band getroffen, und der kennt so ziemlich alles an seltsamer und nicht seltsamer Musik, was es gibt. Zufall?

Kommt darauf an, was du unter radiokompatbibel verstehst. Klar waren Notwist international erfolgreich im Sinne von waren mal hier auf Tournee und die Platten werden auch in der einschlaegigen Musikpresse rezensiert. Ich dachte bei "radiokompatibel" aber halt mehr so an im Mainstream-Radio laufend, kommt wenigstens mal bis in die Top50 und Ottonormalverbraucher hat's mal irgendwo gehoert. Da scheiden Bands wie Notwist dann eher mal wieder aus. Die einzgen dt. Bands, von denen die meisten hier vielleicht mal was gehoert haben, sind die Scorpions, Kraftwerk und Rammstein.

Und was die Unterschiede angeht, ich habe den Eindruck, dass sich Popmusik hier eben mehr ins kulturelle Gesamtspektrum einfuegt als in Deutschland. Da wird weniger kategorisiert oder Grenzen aufgebaut zwischen Pop und Volksmusik oder Schlager (den gibt's hier ja nicht, ist alles Pop. Schlager ist ja auch nix anderes wie dt. Pop auf Deutsch...). Dementsprechend kann sich britische Popmusik auch leichter aus Folk oder was auch immer speisen (siehe Z.B. Led Zeppelin), da sowohl die Produzenten als auch die Konsumenten da was mit anfangen koennen.

Und wenn die Deutschen Musiker und Zuhoerer gegenuber Pop die Erwartung haben, dass das Musik nach US/UK-Strickmuster ist (die dann auch noch am besten auf Englisch funktioniert), dann ist es fuer mich nicht verwunderlich, dass die Platten noch umsomehr widergekaeut klingen.

Mit Kraftwerk und den ollen Krautrockern gab es ja mal Innovation in der Popmusik, made in Germany. Nur nennt das Endprodukt in Deutschland keiner mehr Pop. Da muss man jetzt Dancemusik zu sagen als ob das was komplett anderes waere. (Und an dt. elektronischer Musik gibt es auch im Ausland nach wie vor sehr viel Interesse - Zufall?). :)